Archiv für Februar 2015

Der Zaunkönig

Der Sonntag begann mit einem Spaziergang. Vom Bahnhof aus gingen wir mit einer kleinen Gruppe bestehend aus zwei Preußen und vier Dynamofans zum Prinzipalmarkt.
Eine Abordnung der Dynamo-Supporters NRW besuchte uns um sich für eine Spende vor 2 Jahren für die Hochwasseropfer Dresden zu bedanken.
Gastfreundlich wie wir nun mal sind, nahmen wir die vier an die Hand und besichtigten Innenstadt und Rathaus.

Ich war ein wenig überrascht, dass eine eigentlich so selbstverständliche Sache soviel Aufmerksamkeit erregte: Überall wurde man angequatscht, weil diese Mischung aus Preußen- und Dresden-Fans wohl ein seltsames Bild abgab. Vorbeifahrende Polizisten verfielen in hektische Aktivität wenn sie uns erspähten und selbst der WDR wollte mit einem Kamerateam berichten.
Klar haben die Dynamischen einen ganz besonderen Ruf in der Fußballwelt, aber auch in deren Szene gibt es viele, die sich nach Frieden, Respekt und Toleranz sehnen. Diesen die Hand zu reichen sollte für jeden genauso denkenden Fan eine Selbstverständlichkeit sein.


So kann’s auch gehen: (noch) fröhliche Dresdner in Münster ;)

Ein obligatorisches Radeberger im Stuhlmacher und dann ab Richtung Stadion. Egal ob auf der Straße, im Bus oder in der Kneipe, überall gab es lustige, spitze, aber freundliche Sprüche zu unserem Trupp.
Kurz vorm Stadion musste unser Besuch mal dringend die ersten Biere loswerden und anstatt wild auf die Straße zu urinieren fragte man freundlich nach einem Toilettenbesuch beim Türken an der Ecke, was die angesprochenen Preußen davor bereitwillig erlaubten.

Unten auf dem Schont dann der erste ätzende Kommentar von einem Mattofürsten Mitte Vierzig, der meinte unsere Gäste beim Pissen zu beleidigen und zu beschimpfen. Seit 30 Jahren ginge er ins Stadion, aber solche Asis wie die Dresdner habe er noch nie gesehen. Er redete sich total in Rage, obwohl wir ihm deutlich mitteilten, dass er unsere Gäste nicht grundlos durchbeleidigen darf. Die Dresdner nahmens humorvoll und bei mir blieb nur ein wenig Fremdschämen für diesen Vollhonk.

Vor und nach dem Spiel gab es Freibier für den Besuch im Fanport (Danke, Edo!) und dazu hinterher auch tröstende Schulterklopfer von sieges- und biertrunkenen Preußen.
Abgesehen vom Ergebnis fühlten sich unsere Besucher aber ziemlich wohl bei uns.

Heute morgen dann ein Bild im Netz: Gibt’s ja garnich – der Vollhonk vom Schont; oben auf dem Zaun in Block K und mit ziemlich eindeutiger Körpersprache Richtung Gästeblock.


Der Zaunkönig in Aktion. Vielen Dank für das Bild an Jokers Radeberg

Die Deppen in diesem Teil des Stadions, die jeden Besucher anpöbeln, mit Bechern, Feuerzeugen und Sonstwas bewerfen gehen mir seit Langem voll auf den Sack.
Dass aber ausgerechnet dieser Hegel jetzt die volle Dröhnung Asiverhalten zeigt, ist der absolute Hammer!
Dazu noch dieses arrogante Oberlehrergetue zuvor. Ja, mein Freund, Du bist echt ein wahres Vorbild für Toleranz, Friedfertigkeit und Intelligenz.

Wenn man überlegt wofür in den letzten Jahren so alles Stadionverbote verhängt wurde, dann geht mir die Hutschnur hoch, dass es solche Spacken in unserem Stadion gibt.
Ist das Zeigen des Stinkefingers an eine Gruppe eigentlich auch eine Straftat?
Egal,… für das Ansehen meines Vereins ist sowas aber schlimm und für mich unerträglich beschämend.

Rivalität, Abneigung und Verachtung gegenüber manchem Gegner können das Salz in der Fußballsuppe sein. Schmähgesänge, Schadenfreude und Pöbelei gegen bestimmte Rivalen müssen sogar manchmal sein.
An einem Wochenende wie diesem freue ich mich aber auch mal über Toleranz, Respekt, ein Bier mit dem Gegner und nette neue Bekanntschaften.

Die kleine Gruppe friedlicher Dresdner hat bei mir für mehr Imagegewinn für ihren Club gesorgt als jede noch so ausgewogene Berichterstattung in den Medien.
Der Zaunkönig hingegen löst bei mir mehr Wut und Scham aus als der hundertste Pyrovorfall.